Luzern


Der Kanton Luzern hat viele und vielfältige lebendige Traditionen. Er ist als früher Teil der alten Eidgenossenschaft von einer bald 700-jährigen politischen Geschichte geprägt, hat geografisch Anteil an alpiner, voralpiner und mittelländischer Landschaft und Kultur. Zudem bildete er über lange Zeit den Vorort der katholischen Schweiz. Mit der Stadt Luzern verfügt der Kanton über ein gesellschaftliches, kulturelles und wirtschaftliches wie auch touristisches urbanes Zentrum der Zentralschweiz. Für die festfreudige Luzerner Bevölkerung sind diese vielen lebendigen Traditionen ein wesentlicher Träger ihrer Identität. Sie sind auch von grosser Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es sind deshalb vor allem auch die einzelnen Bürgerinnen und Bürger und ihre gesellschaftlichen Zusammenschlüsse, welche die Traditionen am Leben erhalten (sollen). Der Staat - Gemeinden, Kanton sowie Bildung und Kultur - sowie die Kirchen erhalten und fördern diese Bestrebungen durch gute Rahmenbedingungen.

Gemeinsame Liste der Zentralschweizer Kantone

Mit der Ratifikation des UNESCO-Übereinkommens zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes hat sich die Schweiz verpflichtet, Massnahmen zur Sicherung und Förderung des Kulturerbes zu ergreifen. Zentrales Element ist die Erstellung einer nationalen Liste des immateriellen Kulturerbes. Der Kanton Luzern hat sich entschieden, das Projekt gemeinsam mit den anderen fünf Zentralschweizer Kantonen Obwalden, Nidwalden, Schwyz, Uri und Zug realisiert. Dieses Vorgehen erscheint sinnvoll, weil die meisten wichtigen lebendigen Traditionen im Kanton Luzern auch in anderen Innerschweizer Kantonen gepflegt werden. Der in Zug aufgewachsene und in Engelberg lebende Kulturwissenschaftler Dr. Marius Risi, Leiter des Institutes für Kulturforschung Graubünden, wurde als Projektleiter eingesetzt. Marius Risi machte eine detaillierte Literatur- und Archivrecherche, führte in jedem Kanton Workshops mit Expertinnen und Experten durch, formulierte zuhanden der Kulturbeauftragtenkonferenz Zentralschweiz bzw. zuhanden einer nationalen Steuerungsgruppe Vorschläge für die Zentralschweizer Einträge und erstellte schliesslich die Dokumentationen für die lebendigen Traditionen.

Auf der nationalen Liste mit total 167 Einträgen befinden für Luzern: vier Einträge, die nur im Kanton Luzern beheimatet sind (Auffahrtsumritt in Beromünster, Gansabhauet in Sursee, Luzerner Herrgottskanoniere in Luzern und das Köhlern im Napfgebiet), 14 Zentralschweizer Einträge mit Luzerner Bezug (beispielsweise Fasnacht und Innerschweizer Volksmusikpraxis) und neun schweizerische Einträge (beispielsweise Blasmusik, Schwingen oder Jassen).

Gelebtes Brauchtum im Kanton Luzern

Stadt und Land sind geprägt von einer starken, theatralisch-barocken Festkultur mit jeweils ganz unterschiedlichen geschichtlichen Hintergründen: so die archaische Strassen- Fasnacht mit sehr alten heidnischen, mittelalterlichen und katholisch-kirchlichen Wurzeln, geprägt durch wildes Maskentreiben, sogenanntes Intrigieren, Umzüge und viele « Guggenmusigen», dann die Alpfeste (Älplerchilbi) aus der Bauern- und Sennenkultur, weiter die zahlreichen Musikfeste (Blasmusik-, Gesangs-, Jodel- und Ländler- sowie Trachtenfeste) des vor allem ländlichen Vereinslebens, aber auch die eher urbanen, internationalen Musik-Festivals in neuerer Zeit (beispielsweise Lucerne Festival). Auch die von der katholischen Kirche besonders im Rahmen der Gegenreformation inszenierten kirchlichen Bräuche und Feste wie beispielsweise die nur noch im Kanton Luzern existierenden Auffahrtsumritte und die Herrgottskanoniere mit ritualisierten Böllerschüssen (an Fronleichnam), die Prozessionen und die Wallfahrten (beispielsweise nach Einsiedeln) oder das St. Nikolaus-Brauchtum sind Bestandteile dieser Festkultur. Zudem kann auch die «Gansabhauet» in Sursee als eine besondere spektakuläre Brauchtumsveranstaltung anlässlich des historisch bedeutsamen Markttages am Martinstag (11. November) in einem (profanen) festlichen Kontext genannt werden. Und schliesslich hat Luzern eine der ältesten Theater-Traditionen Europas, beginnend mit den mittelalterlichen Fasnachts- und Passionsspielen auf dem Luzerner Weinmarkt, dem späteren Bildungs-Theater der im Rahmen der katholischen Gegenreformation nach Luzern berufenen Jesuiten im 16. Und 17. Jahrhundert, über die Volks- und Heimattheater bis zur heutigen vielfältigen Laientheaterszene in Stadt und Land. Der im 19. bis weit in das 20 Jahrhundert hinein bestehende «Kulturkampf» – die gesellschaftlich-politische Auseinandersetzung zwischen katholisch-konservativen und liberal-freisinnigen Kräften – hat zu einer starken Vergrösserung der Vereinskultur und zu hunderten, heute noch bestehenden Musik- und Gesangsvereinen geführt: in den Dörfern und Städten wurde in getrennten Formationen sowohl «konservativ wie liberal gesungen, gespielt und musiziert!»

Neben dem von der katholische Kirche geprägten festlich-theatralischen Traditionen gibt es im Kanton Luzern – wie in den anderen Innerschweizer Kantonen – eine starke Tradition von Magie, übersinnlichen Geistergeschichten und Sagen, welche wohl stark vom (vor-)alpinen Lebensraum geprägt sind. Eine der bekanntesten, weil von Luzerner Touristikern aufgegriffene Sage ist die Pilatus-Sage mit den Drachen, der heute auch für den Pilatus als internationale Reisedestination wirbt. Weniger touristisch aber sehr stimmungsvoll ist der Brauch des Lichterschwemmens in Ermensee im Seetal am Fridolinstag (6. März). Auch altes Wissen – zum Beispiel Kräuterwissen – sind bis in unsere Tage dank den noch bestehenden Frauenklöstern und ihren Kräuter-Gärten erhalten geblieben. Die Köhler von Romoos im Entlebuch sind die letzten in der Schweiz, die dieses alte Handwerk der Holzkohlenherstellung noch auf professioneller Basis betreiben.

Der Vierwaldstättersee, Landschaft, die Berge und die Stadt Luzern sind seit rund 200 Jahren ein international sehr geschätzten Reiseziel. Die entsprechende touristische Landschaftserschliessung ist dank hervorragenden technischen Entwicklungen erst möglich geworden, so beispielsweise bei der Dampfschifffahrt, den Bergbahnen, dem Strassenbau, der Stromversorgung sowie der Hotellerie. Der für Luzern bedeutende Wirtschaftszweig des Tourismus kann mithelfen, die Traditionen lebendig zu erhalten; er kann sie aber auch durch einseitige Kommerzialisierung verfälschen.

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