Neuenburg


Die verschiedenen Neuenburger Traditionen widerspiegeln die grosse geographische Vielfalt des Kantons Neuenburg, der von den Jurahöhen bis zu den Seeuferflächen reicht. Obwohl der Kanton relativ klein ist (802,93 km2), gibt es in dieser Region zahlreiche Bräuche, die Stadt und Land, Weinbau und Industrie, See und Gebirge, Moderne und Brauchtum bunt vermischen. Dies erklärt sicherlich auch den Reichtum, die Aktualität und die Triebkraft der sieben Neuenburger Traditionen, die ins Bundesinventar der lebendigen Traditionen aufgenommen wurden.

Eine originelle Vorgehensweise bei der Inventarisierung

Um den Geist und den Wortlaut der Unesco-Konvention zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes zu respektieren, hat sich Neuenburg dazu entschlossen, sein immaterielles Kulturerbe in einem partizipativen Verfahren zu erfassen und den Traditionsträgern eine zentrale Rolle einzuräumen. Aus diesem Grund hat der Kanton auch darauf verzichtet, vorgängig eine theoretische Liste zu erstellen. So konnten sich die Traditionsträger selber am besten in die Inventarisierung einbringen. Eine Expertengruppe aus Museen, Bibliotheken, der Universität Neuenburg und den kantonalen Fachstellen prüfte anschliessend die eingegangenen Vorschläge.

Diese mutige partizipative Vorgehensweise hat Früchte getragen, wurden doch unter den acht Eingaben des Kantons ganze sieben in das Inventar aufgenommen. Alle Vorschläge waren von den Traditionsträgern spontan eingegeben worden, mit Ausnahme der diffusen und in der Bevölkerung weit verbreiteten Tradition der "Torrée neuchâteloise", bei der es unnatürlich und unrealistisch erschien, bestimmte Träger oder eine Trägergruppe zu bestimmen. So können alle erfassten Traditionen als echte «Lebendige Traditionen» bezeichnet werden.

Inventarisierte Traditionen und Förderungsmassnahmen

Der Kanton und die Bevölkerung von Neuenburg wollten so unterschiedliche Traditionen wie die "Torrée" und die Neuenburger Spitze in dieses Inventar aufnehmen. Die "Torrée" ist ein ländliches Familienfest mit einem Feuer im Freien, bei dem Wurst und Kartoffeln gebraten werden – die Neuenburger Spitze ein blühender Zweig der Industrie, von dem oft vergessen wird, dass er dem Aufschwung in der Uhrenindustrie voranging. Einige dieser Bräuche stehen in einem politischen Zusammenhang, wie zum Beispiel die "Marche commémorative de la Révolution neuchâteloise du 1er mars 1848" (Gedenkmarsch der Neuenburger Revolution vom 1. März 1848) oder die "Fête des Fontaines de Môtiers" (Brunnenfest von Môtiers). Beide zeugen vom starken staatsbürgerlichen Bewusstsein der Neuenburgerinnen und Neuenburger. Andere Traditionen weisen hingegen einen eher spielerischen Charakter auf, insbesondere das Schlittschuhlaufen auf dem Doubs und das Kegelspiel – diese Traditionen würdigen gleichzeitig die regionale Vitalität und die Verbundenheit mit der Natur. Der Festzug des "Corso Fleuri" und seine Verbindung mit der "Fête des Vendanges" (Winzerfest) der Stadt Neuenburg illustriert diese subtile Mischung verschiedener Traditionen sehr gut.

Einige Bräuche (Brunnenfest, Corso Fleuri, Gedenkmarsch des 1. März) geniessen eine symbolische Anerkennung oder profitieren von einer logistischen Unterstützung der Gemeindebehörden.

Weitere Neuenburger Traditionen

Aufgrund des vom Kanton gewünschten partizipativen Verfahrens bei der Inventarisierung musste auf einige markante Neuenburger Bräuche verzichtet werden, da deren Träger nicht mobilisiert werden konnten. Dazu gehören zum Beispiel die traditionellen Familienwanderungen oder die "Braderie" (Strassenmarkt) von La Chaux-de-Fonds, ein Fest, das seit den 1930er-Jahren alle zwei Jahre stattfindet und im Geiste der Wirtschaftskrise aufgekommen ist, jedoch bis heute fortbesteht. Auf kantonaler Ebene konnte auch die Uhrenindustrie nicht berücksichtigt werden. Der Kanton Neuenburg erachtete es in der Tat als unpassend, diese Tradition ohne das Wissen der Träger der Praxis, der Bräuche, der Traditionen, der Technik und des Know-hows der regionalen Uhrenindustrie als Vorschlag für das Bundesinventar einzugeben. Dieser Industriezweig wurde hingegen dem interregionalen Dossier für die Uhrenbranche angegliedert, das die Kantone Genf, Waadt, Neuenburg, Jura, Bern, Solothurn, Basel Landschaft und Schaffhausen einschliesst, also den gesamten Jurabogen von Genf bis Schaffhausen.

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