Tessin


Im Tessin gibt es auf kantonaler Ebene keine speziellen Massnahmen, Trägerschaften oder Behörden, die direkt oder ausschliesslich für die Vermittlung und die Förderung des immateriellen Kulturerbes zuständig sind. Das Centro di dialettologia e di etnografia CDE (Zentrum für Dialektologie und Ethnographie) in Bellinzona jedoch dokumentiert, untersucht und erschliesst die sprachliche und ethnographische Situation in der italienischen Schweiz. Das CDE arbeitet dabei auch mit den Medien zusammen und bietet Sendungen für ein breites Publikum an. Zudem fördert es Ausstellungen, Tagungen und Vorträge im Zusammenhang mit den lokalen Gegebenheiten. Ebenfalls koordiniert es die Tätigkeiten der zehn kantonalen ethnographischen Museen und bietet ihnen wissenschaftliche und technische Unterstützung an.

Archive

Unter den verschiedenen Archiven des Tessins ist das Archivio di Stato (Staatsarchiv) ohne Zweifel die massgebende Institution. Neben den verschiedenen Kulturdienstleistungen verwaltet es auch das Repertorio toponomastico ticinese RTT (Toponomastisches Repertoire des Tessins) und ist für die Erfassung, Erhaltung und Erschliessung der Orts- und Flurnamen zuständig. Die Toponyme werden auf der Grundlage von bibliographischen, dokumentarischen und kartographischen Beständen und gezielten Interviews mit lokalen Informantinnen und Informanten inventarisiert.

Auf lokaler Ebene ist auch das Archivio Audiovisivo di Capriasca e Val Colla ACVC (Audiovisuelles Archiv von Capriasca und dem Val Colla) zu erwähnen, das sich mithilfe einer weitgehend systematischen Erfassung von privaten Photographien und mündlichen Zeugnissen der Region, insbesondere historisch-ethnographischer Natur, für die Aufwertung des immateriellen Kulturerbes einsetzt. Auch das von der Gemeinde Arogno gefördert Archivio della Memoria di Arogno ADMA (Archiv von Arogno) dient als Instrument für die Erhaltung der historischen, ökonomischen und menschlichen Merkmale der Region, indem es mündliche Zeugnisse, Photographien und Dokumente sammelt.

Die Erhaltung und die Erschliessung des klingenden Kulturguts der Schweiz wird von der Fonoteca nazionale (Nationalphonothek) in Lugano gewährleistet. Diese Institution wurde 1987 als privatrechtliche Stiftung gegründet und sammelt und dokumentiert Tonträger, deren Inhalte einen Bezug zur Geschichte und Kultur der Schweiz haben. Dazu gehören sowohl musikalische wie gesprochene Dokumente. Die Phonothek macht auch Aufnahmen in den Bereichen klassische Musik, Rock, Jazz, Volksmusik, Hörbücher, Erzählungen, Theaterstücke, Interviews, usw.

Handwerk, Tanz und Theater

Der Verband Gruppo di lavoro artigianato del Ticino GLATI (Arbeitsgruppe für das Tessiner Handwerk) wurde im Jahr 2000 ins Leben gerufen. Er soll die Verantwortung der verschiedenen Handwerksvereinigungen für ihren Sektor stärken, insbesondere was die Förderung und die Informationsvermittlung gemäss dem Legge cantonale sull'artigianato (kantonales Gewerbegesetz) vom 18. März 2012 betrifft. Die Verbandsmitglieder werden ausserdem dazu aufgerufen, die Convenzione sul marchio «Artigianato del Ticino» (Konvention über die Marke «Tessiner Handwerk») vom 2. Dezember 1991 einzuhalten. Folgende Vereinigungen sind Mitglied des GLATI: Associazione Pro Verzasca, Associazione del cotto ticinese (Tessiner Töpfereivereinigung), Associazione artigiani di Vallemaggia (Handwerksvereinigung Maggiatal), Associazione artigiani bleniesi (Handwerksvereinigung Blenio).

Die Federazione Cantonale del Costume Ticinese FCCT (Kantonale Trachtenvereinigung Tessin) wurde 1937 gegründet. Sie untersucht und konserviert Trachten, Volkstänze und Volksmusik sowie Bräuche und Traditionen des Kantons Tessin. Zurzeit vereint die FCCT 19 Gruppen, darunter zum Beispiel die Associazione Costumi Vallemaggia (Trachtenvereinigung Maggiatal), Gruppo Canzoni e Costumi Ticinesi (Tessiner Lieder- und Trachtengruppe), Canterini di Lugano (Volkschor von Lugano), Gruppo Costumi Chironichesi (Trachtengruppe von Chironico), Gruppo Costumi della Pro Valle di Muggio (Trachtengruppe Pro Muggiotal), oder die Gruppo Costumi Valcolla Lugano (Trachtengruppe Valcolla Lugano).

Auch im musikalischen Bereich wird im Tessin seit einigen Jahrzehnten eine breit angelegte und systematische Neubelebung des traditionellen Kulturerbes angestrebt. Im Jahr 1983 wurde die Volksmusikgruppe Vox Blenii ins Leben gerufen, die auf die Erfahrung und die Kompetenzen älterer Einwohnerinnen und Einwohner zurückgreift und so die Lieder und die mündliche Musiktradition der nördlichen Täler zusammenträgt. Der Stil von Vox Blenii lässt Raum für Improvisationen, bleibt aber trotzdem tief in der Tessiner Volkskultur verwurzelt. Seit 1988 organisierte Vox Blenii ein dreitägiges Fest der Volksmusik, an dem vor allem auch Musikschaffende aus Italien teilnehmen.

Ebenso zur Erforschung und der Erhaltung des traditionellen Tessiner Musikrepertoires tragen zum Beispiel die Tre Tèr bei. Diese Gruppierung umfasst Musikschaffende aus dem Onsernonetal, dem Centovalli und der Mesolcina. Auch das Duo Vent negru aus Locarno spielt seit 1991 Lieder und Musik vor allem aus dem Onsernonetal, überschreitet aber auch die Grenzen bis in die Lombardei, das Piemont, die Provence, usw.

Von besonderem Interesse ist der Fondo Roberto Leydi, der im CDE von Bellinzona aufbewahrt wird. Es handelt sich hierbei um eine bedeutende Schenkung, die eine reichhaltige und systematische Materialsammlung über Musik und Volkskultur umfasst. Entstanden ist der Fonds dank den zahlreichen Feldforschungen von Roberto Leydi (1928-2003) und auf der Grundlage seiner Begegnungen mit Musikschaffenden, Handwerkerinnen und Handwerkern sowie verschiedenen Informantinnen und Informanten. Auch die lange Erfahrung Leydis als Universitätsdozent, sein intensives Engagement während über 50 Jahren und diverse persönliche Beziehungen haben diese Sammlung an Musikinstrumenten, Schallplatten, Tonbändern, Partituren, Büchern, Periodika und Dissertationen mit musikologischem und ethnologischem Hintergrund möglich gemacht.

Am musikalischen Angebot beteiligen sich massgeblich auch die zahlreichen Chöre und Musikgruppen mit ihren breitgefächerten Repertoires. Verschiedene Sektionen von Pro Ticino verfügen zum Beispiel über ihren eigenen Chor und verfolgen das Ziel, den Chorgesang in Italienisch oder Dialekt zu verbreiten und die Tradition der Tessiner oder italienischsprachigen Volkslieder lebendig zu erhalten.

Im Zusammenhang mit den Bühnenkünsten müssen auch die Bemühungen im Bereich des Dialekttheaters erwähnt werden: Seit 1999 setzt sich das Teatro Popolare della Svizzera italiana TEPSI (Volkstheater der italienischen Schweiz) dafür ein, das Volkstheater und insbesondere auch die Tradition des Dialekttheaters zu erhalten. Im Tessin bestehen zahlreiche Laientheatergruppen, die sich in der Federazione Filodrammatiche della Svizzera italiana FFSI (Verband für Laientheater der italienischen Schweiz) zusammengeschlossen haben und sich für Aufführungen in Dialekt einsetzen.

Andere Bräuche

Der Kanton Tessin hat insgesamt 17 Traditionen bei der Arbeitsgruppe des Bundesamtes für Kultur eingereicht. Zehn dieser Bräuche fallen in die Kategorie «Gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste», die sieben anderen Traditionen können in der Kategorie «Traditionelles Handwerk» eingeordnet werden. In der ersten Kategorie hat der Kanton Tessin folgende Traditionen vorgeschlagen: Die historischen Prozessionen in Mendrisio, die Prozession von Gannariente im Val Bavona, der Jahrmarkt zu Ehren des Heiligen Provino in Agno, der Martinimarkt in Mendrisio, die cagórda in Lumino, der Dreikönigsgesang in der Capriasca, die Fasnacht in Bellinzona, die historischen Milizen im Bleniotal, das Traubenfest in Mendrisio und die Weihnachtsnovene in Morcote. In der Kategorie «Traditionelles Handwerk» wurden folgende Vorschläge eingereicht: Der Abbau und die Verarbeitung von Granit im Bezirk Riviera, die Verarbeitung und das Flechten von Stroh im Onsernonetal, die Marroniverkäufer, die im Bau und der Restaurierung von Dächern spezialisierten Zimmerleute-Maurer, die Kaminfeger vom Verzascatal (und den anderen umliegenden Tälern des Alto Verbano), die wandernden Kupferschmiede des Collatals und die Brenner der Region Malcantone.

Andere Bräuche, die nicht in der Liste der 17 Kandidaturen berücksichtigt werden konnten, sind zum Beispiel: Das Fest des seligen Manfredo in Riva S. Vitale, Bandir gennaio, die Fasnacht in Brissago, das Fest des Heiligen Josef in Ligornetto, die heilige Prozession des Mercoledì santo in Coldrerio, die Eierversteigerung in Vaglio, das Fest des Heiligen Rocco in Gribbio, das Fest des Heiligen Maurizio in Osco, das Wettrennen von Mendrisio, das Seifenkistenrennen in Porza, das Boccia-Spiel, der Viehmarkt in der Leventina oder der Schafmarkt in Malvaglia.

Weiterführende Informationen

Es gibt noch keine speziellen Internetseiten zur Inventarisierung der lebendigen Traditionen im Tessin. Die Bewahrung, die Erschliessung, die Vermittlung und eine weit verzweigte Kenntnis des immateriellen Kulturerbes der Region wurde nicht zuletzt dank dem Centro di dialettologia e di etnografia von Bellinzona möglich, auch wenn dieses Inventar nicht zu den wesentlichen Aufgaben des CDE gehört.

Zusätzliche Informationen finden sich auf der Internetseite des Osservatorio culturale della Svizzera italiana, die einen Überblick über die kulturellen Aktivitäten der Region bietet. Auf dieser Seite werden Bibliotheken, Museen, Theater, Festivals und Vereinigungen verschiedenster Art (von archäologischen Vereinen über Folkloregruppen bis hin zu Handwerksvereinigungen, Chören und Laientheatergruppen) detailliert beschrieben, um einen optimalen Zugriff zu ermöglichen. Die zehn kantonalen ethnographischen Museen ihrerseits bieten je nach Saison verschiedene Aktivitäten und Programme an. Ausführliche Informationen sind auf den Internetseiten der einzelnen Institutionen einsehbar. Einige Träger der lebendigen Traditionen, die im beim BAK hinterlegten Dossier beschrieben sind, verfügen ebenfalls über eine Internetseite.

Referenzen