Waadt


Als viertgrösster Kanton der Schweiz hat das Waadtland viele, von der räumlichen und landschaftlichen Vielfalt geprägte Traditionen vorzuweisen. Im Zentrum und im Norden dominieren die ländlichen Gebiete. Doch es gibt auch eine ganze Reihe mittelgrosser Städte, allen voran Lausanne; zwei wunderschöne Seen, den Genfer- und den Neuenburgersee, sowie zwei Bergregionen, die sich grundlegend voneinander unterscheiden: die Voralpen (Ormonts, Pays-d’Enhaut) und der Jura (Vallée de Joux, Region um Sainte-Croix).

Neues Interesse der Öffentlichkeit und der Behörden an den Traditionen

Dank dieser Vielfalt zählt der Kanton Waadt noch viele erstaunlich lebendige Traditionen, die nach den Kriterien der Unesco inventarisiert werden können. Während für viele dieser Traditionen die Zeit zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren eher schwierig war – das Streben nach Modernität und Fortschritt trug zweifellos dazu bei – hat das Interesse an Tradition und Brauchtum in den letzten zwanzig Jahren wieder merklich zugenommen.

In diesem Rahmen erarbeiten die Waadtländer Behörden 2012 zwei neue Kulturgesetze, die das geltende Gesetz von 1978 ersetzen sollen. Das Gesetz über das bewegliche immaterielle Kulturerbe ("Loi sur le Patrimoine Mobilier et Immatériel LPMI") bezweckt eine Gleichstellung des beweglichen – namentlich des dokumentarischen – und des immateriellen Kulturerbes. In der entsprechenden Ausführungsbestimmung sollen die Fördermöglichkeiten detailliert aufgeführt werden.

Vom Winzerfest zu den Musikautomaten

Neun Waadtländer Traditionen wurden in das Inventar der lebendigen Traditionen in der Schweiz aufgenommen. Diese umfassen sowohl ländliches als auch städtisches, jahrhundertealtes und modernes Brauchtum. Der Kanton Waadt veranstaltet zum Beispiel fünfmal pro Jahrhundert das prunkvolle Winzerfest zu Ehren des Acker- und Weinbaus, das Vevey in eine einzige grosse Freilichtbühne verwandelt. Die Tradition der Herstellung von Musikautomaten und Spieldosen entstand ihrerseits im Zuge der Entwicklung der Uhrenindustrie, und obwohl sie noch relativ jung ist, ist sie bisher die einzige kantonale Tradition, die in ihrem Bestehen ernsthaft gefährdet ist.

Das immaterielle Kulturerbe des Waadtlands zeugt jedoch von einem so grossen Reichtum, dass es nicht auf neun Objekte reduziert werden kann. Deshalb hat der Kanton Waadt im Januar 2012 eine Internetseite zur Inventarisierung seines immateriellen Kulturerbes aufgeschaltet. Der Inhalt dieser Webseite entwickelt sich fortwährend, was dem heutigen Verständnis von immateriellem Kulturerbe entspricht. Im März 2012 zählte dieses Inventar insgesamt 69 Traditionen mit je einer Kurzbeschreibung und einer Illustration. Erwähnt seien zum Beispiel der Waadtländer Dialekt, die Mittsommer von Taveyanne und Saint-Cergue, einige alte Landrechte oder die gleichermassen traditionellen wie libertären Aktionen der legendären Genferseepiraten und der Räuber des Jorat ("Brigands du Jorat"). Doch auch hier ist Platz für Modernes, insbesondere mit der Aufnahme der zahlreichen Festivals und des Prix de Lausanne für junge Tänzerinnen und Tänzer. Dieser Preis ist sowohl für die Ausbildung als auch für das klassische und zeitgenössische Tanzschaffen ausserordentlich wichtig und geniesst weit über die Kantonsgrenzen hinaus höchstes Ansehen. Auch die Bedeutung der ländlichen Gebiete der Waadt ist spürbar, zum Beispiel wenn es um das traditionelle Handwerk des Ölpressens geht. Nicht zu vergessen ist auch der Einfluss des Genfersees, der bekannt ist für seine Regatten und seinen freiwilligen Seerettungsdienst.

Schliesslich wurden auch Traditionen aufgenommen, die zwar in anderen Kantonen wie Freiburg oder Genf oder für die ganze Schweiz erfasst wurden, jedoch auch im Waadtland verbreitet sind, so beispielsweise die Schindelmacherei, die Schülerumzüge ("Promotions"), das Gesundbeten, die Herstellung von Alpkäse, das Fondue, die Steinmaurer ("Murailleurs") oder die Dorf- und Blasmusiken.

Referenzen