Zürich


Der Kanton Zürich ist der bevölkerungsreichste und am dichtesten besiedelte Kanton der Schweiz. In eng überbauten Ballungsgebieten ist ein lebhaftes, die Gemeinschaft förderndes und vielfältig blühendes Kulturleben für die Bewohner von grosser Bedeutung. Lebendige Traditionen - die überliefert werden, die sich verändern und ständig neu erfinden können - sind ein wichtiger Bestandteil der ländlichen und auch der urbanen Kultur. Der Kanton Zürich legt viel Wert auf die Erhaltung und Förderung seines Kulturerbes und bringt dies in seinem Kulturauftrag deutlich zum Ausdruck.

Das Kulturförderungsleitbild des Kantons Zürich wurde am 14. März 2002 verabschiedet. Es hält in seiner Präambel fest, dass es Aufgabe des Staates ist, den Rahmen zu schaffen, innerhalb dessen sich Kultur entwickelt. Der Staat „kann dazu beitragen, das kulturelle Erbe zu schützen, es physisch zu bewahren und der Gesellschaft zugänglich und bewusst zu machen. Dies ist keine fakultative Aufgabe, sondern eine Verpflichtung, die der Staat unabhängig von finanziellen Rentabilitätsüberlegungen annehmen muss, will er seinen Teil der Verantwortung für das historische Bewusstsein und die kulturelle Zukunft der Gesellschaft übernehmen".

Kulturförderung im Bereich Lebendige Traditionen

Die lebendigen Traditionen sind der aktuell praktizierte Teil des überlieferten Kulturerbes und damit auch direkt am Puls der Zeit. Der Kanton Zürich ist sich dieser Bedeutung bewusst und hält im Kulturleitbild fest: Der Kanton Zürich „trägt aktiv dazu bei, der kulturellen Tradition eine aktuelle Gegenwart zu geben und mit neuen Impulsen in die Zukunft zu führen". In diesem Sinne liegt die Unterstützung und sorgfältige Pflege von immateriellem Kulturgut der Kulturförderung des Kantons Zürich sehr am Herzen.

Der Kanton Zürich hat für seine Kulturpolitik den Begriff „Kultur" als „die Identität einer Gesellschaft" definiert. Im Kulturförderungsleitbild wird ausdrücklich festgehalten, dass „die Erhaltung des Kulturschaffens und Unterstützung der damit verbundenen Aufgaben der historischen Pflege, Aufbewahrung, Erforschung und Weiterentwicklung des kulturellen Erbes zur Wahrung der kulturellen Kontinuität" zu ihren Hauptaufgaben gehört. Im dicht bewohnten Kanton Zürich wachsen die Städte durch die sich ausweitenden Agglomerationsgebiete immer mehr zusammen. Es gibt in diesen urbanen Regionen viele Zuzüger aus dem umliegenden Ausland und aus anderen Kulturkreisen. Allein in der Stadt Zürich beträgt der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund 60 Prozent und das Repertoire an lebendigen Traditionen ist entsprechend bunt und vielgestaltig. Es erfährt - um das aus den verschiedensten Ethnien und Religionen einfliessende Erbe bereichert - eine interessante, die Kulturen übergreifende Modifikation. Lebendiges Kulturgut ist stets Erneuerungen und Improvisationen ausgesetzt und muss deshalb formbar und anpassungsfähig sein. Der Kanton Zürich definiert in diesem Sinne seine Kulturförderungspolitik als zukunftsorientiert und dynamisch.

Immaterielles Kulturerbe in der Stadt

Die lebendigen Traditionen in städtischen Gebieten haben häufig Festcharakter. Diese ritualisierten Anlässe sind historischen Ursprungs und zeichnen sich durch Sinnlichkeit und Festfreude aus. Der Kanton Zürich verfügt über eine farbenfrohe Palette von urban verankerten Bräuchen und vergnügten Festen. Diese präsentiert sich ausgehend von den grossen wiederkehrenden Veranstaltungen, wie dem „Sechseläuten" und „Knabenschiessen" in Zürich oder dem „Albanifest" in Winterthur, die weit über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt sind, hin zu neueren und modernen Bräuchen, wie zum Beispiel der Zürcher „Street Parade" oder dem Winterthurer „Afro-Pfingsten Festival". Das von den Zürcher Zünften organisierte so genannte „Sächsilüüte" ist das prominenteste Fest im Kanton. Es findet alljährlich in der Stadt Zürich am dritten Montag im April statt und gilt der Austreibung des Winters. Die verschiedenen Zunftmitglieder ziehen an diesem Tag in historischen Kostümen durch die Srassen und versammeln sich anschliessend auf dem Sechseläutenplatz am Bellevue. Hier wird um sechs Uhr abends zu den Klängen des „Sechseläuten-Marsches" der „Böögg" verbrannt, eine mit Knallkörpern gefüllte Figur in Schneemannsgestalt. Je schneller der brennende und explodierende Böögg seinen Kopf verliert, desto rascher wird der Winter ausgetrieben sein. Nur alle 10 Jahre findet ebenfalls in Zürich die so genannte „Hirsebreifahrt" statt. Der Brauch entstand aus einer Wette mit den Elsässern im Jahre 1456. Die Zürcher bewiesen damals, dass sie mit einer Bootsfahrt innert 24 Stunden in Strassburg sein können. Sie bewältigten die Reise auf dem Fluss sogar in 22 Stunden, einer Zeit, während der der mitgeführte Hirsebrei noch warm im Topf blieb. Zum städtischen Jahreszyklus gehören in Zürich viele weitere Traditionen, darunter auch am 2. Januar der „Berchtoldstag" mit einem Umtrunk und der Abgabe der beliebten „Neujahrsblätter". Für Kinder findet jeweils am Ostermontag auf dem Rüdenplatz im Zürcher Niederdorf das „Zwänzgerle" statt, ein öffentliches Eiertütschen mit 20-Rappenstücken.

... und auf dem Lande

Nicht nur in städtischen Gebieten des Kantons, sondern auch auf dem Lande wird ein vielfältiges und teilweise sehr kerniges Kulturbrauchtum tradiert. Der von der Fachstelle Kultur der Direktion der Justiz und des Innern formulierte Auftrag nennt deshalb als eines der wichtigen Themen für das Kulturförderungsleitbild die „Stärkung der kantonalen Kulturförderung in der Landschaft". Es soll explizit ein Ausgleich geschaffen werden zur Unterstützung der grossen urbanen Kulturinstitutionen wie beispielsweise dem Opernhaus der Stadt Zürich. Lebendige Traditionen in den verschiedenen Zürcher Regionen und Gemeinden erfreuen sich zunehmend auch bei der jüngeren Bevölkerung grosser Beliebtheit. Häufig stehen diese ruralen Bräuche im Zusammenhang mit dem Zyklus der Jahreszeiten oder es sind Erntedankanlässe. So werden jeweils im Herbst in den diversen Weinanbaugebieten des Kantons ausgelassene „Winzerfeste" gefeiert. Zu Martini findet der wohl schönste Räbenlichter-Umzug der Schweiz - eine einzigartige Lichternacht - während der „Räbechilbi" in der Zürichseegemeinde Richterswil statt. Besonders die kalte Jahreszeit wird durch intensives Brauchtum belebt. Zur Adventszeit vertreibt man in verschiedenen Zürcher Ortschaften die bösen Wintergeister mit angsteinflössenden Tierwesen: Ottenbach lässt in der „Spräggelen-Nacht" eine Schnabelgeiss ihr Unwesen treiben, der „Zumiker Schnappesel" geht als unheimlicher Geist im Dorf um und in Samstagern fegen am 30. Dezember zum „Haageri" junge Männer mit einem an einer langen Stange befestigten Rosskopf durch die Gassen. Politischen Hintergrund hingegen hat der „Ustertag" mit dem „Usterschiessen". Er wird gefeiert zur Erinnerung an den 22. November 1830, als eine friedliche Demonstration von 10'000 Menschen gegen die Bevormundung der Landschaft protestierend durch Uster zog.

Wie in der gesamten Nordwestschweiz ist auch im Kanton Zürich die Volkstanztradition sowohl in Stadt wie auch auf dem Lande sehr geschätzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Schweizer Volkstänze ein Revival erlebt und sind in ihren Inszenierungen durch schnelle Wechsel der Figuren und Formen charakterisiert. Sie wirken dadurch sehr lebhaft und finden beim Publikum begeisterten Anklang. Tanzfreudige Männer und Frauen haben sich im Kanton Zürich in verschiedenen lokalen Tanzkreisen und Trachtengruppen zusammengeschlossen. Sie treffen sich regelmässig und proben für die mehrmals im Jahr stattfindenden Tanzanlässe. Was das Tanzerbe der Schweiz und den professionellen Tanz betrifft, so wurde als Kompetenzzentrum zur Kulturgüterrettung das Schweizer Tanzarchiv gegründet. Es setzt sich aktiv für die Sammlung, Erfassung und Bewahrung des auf audiovisuellen Medien aufgezeichneten professionellen Tanzschaffens ein.

Lebendige Traditionen als Wissensspeicher

Eine weitere Leitlinie der Kulturförderung des Kantons Zürich lautet: „Der Kanton ist sich der Bedeutung eines lebendigen und vielschichtigen Kulturlebens auch als wichtiger Standort- und Wirtschaftsfaktor bewusst." Ein eindrückliches Beispiel für diese Vorgabe ist die Erhaltung des Kulturerbes rund um die Zürcher Textilindustrie. Die Textilverarbeitung stellte für den Kanton Zürich schon immer einen wichtigen Industriezweig dar. Nördlich des Zürichsees war die Baumwollindustrie beheimatet. Ursprünglich bot hier die Herstellung von Textilien einen für die Kleinbauern unverzichtbaren Nebenerwerb. Mit der Erfindung der Spinnmaschine um 1770 wurde die Textilindustrie mechanisiert und im Zürcher Oberland entstanden in der Folge wichtige Produktionsstätten. Eine andere  Entwicklung erfuhr die Seidenindustrie. Sie hatte ihre Standorte in verschiedenen Gemeinden des südlichen Zürichsees. Die anspruchsvolle „Zürcher Seidenindustrie" war in ihrer Glanzzeit Mitte des 19. Jahrhunderts weltweit bekannt. Leider erfuhren die Zürcher Seidenfirmen seit den 1930er-Jahren einen unaufhaltsamen Niedergang. Das Ende der ehemals blühenden Zürcher Seidenindustrie ist nach wie vor nicht abzuwenden, aber indirekt sind dieser Branche noch heute wirtschaftlich wichtige Unternehmen wie Banken, Immobiliengesellschaften und Maschinenfabriken entwachsen. Obwohl die Zürcher Seidenindustrie prägende architektonische Spuren hinterlassen hat und durch die wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung bis heute präsent ist, besteht in der breiten Bevölkerung kaum ein Bewusstsein für die Gegenwart dieses den Kanton prägenden Kulturerbes. Seit einigen Jahren sind deshalb verschiedene Bestrebungen im Gange, um auf die Bedeutung der Zürcher Seidenindustrie hinzuweisen und die noch vorhandenen Textilarchive zu bewahren.

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