Lesegesellschaften


Kategorie:
Gesellschaftliche Praktiken
Kanton:

Beschreibung

Mit den Lesegesellschaften hat sich im Kanton Appenzell Ausserrhoden eine gesellschaftliche Praxis aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts erhalten, die anderswo in dieser Art verschwunden ist. In 13 der 20 Gemeinden des Kantons bestanden im Jahr 2011 noch eine oder mehrere Lesegesellschaften. Sie vereinigen Leute mit unterschiedlichen Ansichten zu einem Austausch in allgemeinbildenden und meist auch in aktuellen politischen Themen und geben so wichtige Impulse für das politische und kulturelle Leben ihrer Gemeinden. Sie distanzieren sich in der Regel von den Parteien und verstehen sich als politisch neutrale und keiner Ideologie verpflichtete Diskussions-, Bildung- und Geselligkeitsforen. In der Funktion der öffentlichen Meinungsbildung unterscheiden sich Lesegesellschaften in Appenzell Ausserrhoden von den wenigen verbliebenen Lesegesellschaften in der übrigen Schweiz, die sich zu reinen Kulturvereinen gewandelt haben. Auf die Tradition der Lesegesellschaften ist zudem zurückzuführen, dass dem Ausserrhoder Kantonsparlaments seit je eine grosse Zahl parteiloser Mitglieder angehören. Im Jahr 2011 waren 22 (6 Frauen und 16 Männer) der 65 Kantonsparlamentarier nicht Mitglied einer Partei. Die Parteilosen bildeten somit die zweitgrösste Gruppe, bei den Frauen gar die grösste. Insbesondere in den kleineren Gemeinden des Appenzeller Vorderlandes hängen die Wahlchancen eines Kantonsparlamentskandidaten zu einem grossen Teil von der Unterstützung durch eine Lesegesellschaft ab.

Bildergalerie

  • Reglementsauzug der «Gesellschaft zur Sonne» in Speicher, die erste, 1820 gegründete Lesegesellschaft © Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden
  • Die Lesegesellschaft "Mühle" in Herisau auf einem Ausflug anlässlich des 50-jährigen Jubiläums, 1924 © Privatbesitz
  • Reglementsauzug der «Gesellschaft zur Sonne» in Speicher, die erste, 1820 gegründete Lesegesellschaft © Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden
  • Die Lesegesellschaft "Mühle" in Herisau auf einem Ausflug anlässlich des 50-jährigen Jubiläums, 1924 © Privatbesitz

Referenzen und Dossier

Publikationen
  • Thomas Samuel Eberle: Die Appenzeller Lesegesellschaften im Fernsehzeitalter. In: Der Kanton St.Gallen und seine Hochschule. Beiträge zur Eröffnung des Bibliothekbaus. Ed. Rolf Dubs, Yvo Hangartner, Alfred Nydegger. St.Gallen, 1989, p. 169-185

  • Thomas Samuel Eberle: Lesegesellschaften. In: St.Gallen. Geschichte einer literarischen Kultur. Ed. Werner Wunderlich. St.Gallen, 1999, vol. 1, p. 647-707

  • Emil Erne: Lesegesellschaften. In: Historisches Lexikon der Schweiz vol. 7, Basel, 2008, p. 791 (http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D11300.php)

  • Thomas Fuchs: Aufklärung und Öffentlichkeit beim kleinen Mann auf dem Lande. Die Anfänge der Lesegesellschaft in Schwänberg. In: Appenzellische Jahrbücher 2003. Herisau, 2004, p. 32–56

  • Arthur Sturzenegger: Wissen macht Bürger. Aus der Geschichte der Lesegesellschaft Bach. Trogen, 2009

  • Hanspeter Thurnherr: Am Anfang stand der Drang nach Freiheit. Die Lesegesellschaften übernehmen im Vorderland unter anderem Aufgaben, die andernorts von Parteien wahrgenommen werden. In: Der Rheintaler, 8. August 2003, p. 7

  • Walter Züst: Die appenzellischen Lesegesellschaften am Beispiel der Lesegesellschaft Bissau Heiden. Mit einer Einführung von Walter Schläpfer. Herisau, 1989

Dossier
  • Lesegesellschaften

    Ausführliche Beschreibung Gültig ab: 23.07.2012
    Grösse: 253 kb
    Typ: PDF